Kürzlich traf ich einen Freund und Menschen, den ich schätze. Bei aller Quirligkeit und vor Kraft strotzend ist er zurzeit unglücklich und erzählte davon. Es geht um seine Scheidung. Das Paar wirkte noch vor wenigen Monaten so verbunden. Als wären sie füreinander geschaffen. Während er erzählt, liegt seine Stirn in Falten und die Ausweglosigkeit schwingt in jedem Wort mit. Kapitulation. Anzeichen von Rosenkrieg. Besser Schluss machen! Was für ein leidvoller Prozess. Noch Tage später tauchen seine Worte immer wieder in mir auf..
Kopf aus der Schlinge: Liebe aufgeben
Ich bin keine Missionarin – ich schwöre es. Mein Urgroßvater soll einer gewesen sein – im Brasilien des 19. Jahrhunderts. – Doch es bewegt mich so sehr, dass Menschen die Liebe verlieren. Die Liebe der Ratlosigkeit opfern. Nicht weiterwissen und aufgeben. Das Herz verschließen, weil alles immer mehr weh tut. Nicht der Spur der Klärung folgen. Denn wie auch. Und stattdessen aufgeben.
Dabei können Worte auch Türen sein
Wenn die beiden nur wüssten, dass es möglich ist, denke ich immer wieder. Oder besser gesagt Robert. Vielleicht wird noch etwas viel Besseres daraus, als es vorher war. Oder es zeigt sich tatsächlich als sinnvoll, die Ehe zu beenden. Gleichzeitig aber im Frieden weiterzugehen. Und sich gemeinsam auf eine andere Alltagsebene zu verlagern. Auch das kann Zufriedenheit und Glück bedeuten. Und Sicherheit geben. Bahnfrei für den nächsten Schritt. Jedoch als Freunde. Ohne Groll. Und in Dankbarkeit für den gemeinsamen Weg.
Jeder Mensch ein eigener Planet
Als kleines Kind bereits wusste ich, dass Zuhören der Schlüssel ist. Ich sah das Leid von allen – und dachte, warum hört hier niemand zu? Ich sah, dass alle recht hatten. Jeder auf seine Art. Jeder war allein und niemand hörte zu. Jetzt fragst du vielleicht, ist das nicht ein wenig zu simpel, dass sich durch bloßes Zuhören Dinge klären? Nein, ist es tatsächlich nicht. Mehr als einmal habe ich in scheinbar aussichtslosen Lagen Versöhnung durch bloßes Zuhören erlebt oder begleitet,.
Enge und Selbstschutz versus „geschützter Raum“
Ich stelle mir einfach mal Robert und Lucy vor, die versuchen, den Faden wiederaufzunehmen. Einige Monate sind ins Land gegangen und beide möchten die Beziehung doch retten! Wunderbar: es ist den Versuch hundertprozentig wert. Möglicherweise lernen sie sich neu kennen. Ohne zu verletzen. Sie erinnern sich an die erste Zeit. Vielleicht entdecken beide, dass sie Lust haben, sich aufeinander zuzubewegen. Sie lernen sich tiefer kennen. Und sind sich bewusst, dass das wichtig ist, wenn sie ein Paar sind. Es erfordert natürlich die Bereitschaft und auch den Wunsch beider, sich auf diesen Schritt einzulassen.
Partnerschaft ist Spiegel der Wahrheit
Manchmal ist es gut, wenn Wege nach vielen Jahren auseinandergehen. Gerade in herausfordernden Zeiten wie diesen ist ein Übereinstimmen in täglichen Bewegungen weniger selbstverständlich geworden. Das Nicht-Übereinstimmen drängt an die Oberfläche und in Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung steht die Aufrichtigkeit des Einzelnen ständig auf dem Prüfstand. Spätestens jetzt zeigt sich, wie belastbar die Verbindung – und ob eine Streitkultur zwischen den Partnern vorhanden ist.
Vor der eigenen Tür beginnt der Frieden
Draußen wächst das Entsetzen über die furchtbaren Kriege. Es ist der Ruf an uns, vor der eigenen Tür zu kehren und den Frieden mit unseren Lieben zu „lernen“. Bewusst den Frieden zu suchen und dafür einzutreten. Frieden ist Verständigung. Er passiert nicht von selbst. Er zeigt sich, wenn ich für mich und meine Werte aufrichtig eintrete. Das ist neu. Wenn wir selbst nicht in der Lage sind, unsere eigenen Verletzungen mit den Lieben zu heilen, wo soll der Frieden herkommen. Verletzung verursacht Verletzung, verursacht Verletzung, verursacht Verletzung und so fort.
Anhalten und in Ruhe sehen, um was es eigentlich geht
Im Jahr 2008 entdeckte ich das Modell der Gewaltfreien Kommunikation und es war wie eine Offenbarung. Da war sie endlich: die Antwort auf meine Lebensfrage nach dem WIE im Streit. Wie finde ich eine Lösung? Der Schlüssel sind die Bedürfnisse. Und das Zuhören. Sich selbst und dem Gegenüber. Jedoch vor allem sich selbst. Und dann sehen, was der nächste Schritt ist. Dieses Modell eignet sich hervorragend für jede Art von Zweifel oder Konflikt. Weil der Kern die Wahrheit ist.
Mediation ist Gold
Wenn zwei Menschen sich verhakt haben und Schmerzmuster schon eingefahren sind, ist es sehr entlastend, sich begleitende Unterstützung des Vertrauens zu suchen. In allen Trennungssituationen ist es entlastend, sich aussprechen zu können, denn eine aufgeräumte Trennung kann der adäquate Weg sein, wenn sich die Gabelung abzeichnet. Um damit in Frieden weiterzugehen. Über viele Jahre des gemeinsamen Lebens kennt man sich gegenseitig und ist sich vertraut. Wenn beide sich beim Auseinanderziehen unterstützen lassen wollen, werden beide gewinnen.
Ungewohnt: sich Hilfe suchen
Ein weit verbreitetes Phänomen der westlichen Welt ist, den Anspruch zu haben, Probleme mit sich selbst auszumachen. Nach außen zu zeigen, dass wir an Grenzen der Handlungsfähigkeit stoßen, scheint eine Hürde zu sein, die Menschen davon abhält, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Es ist der direkte Ausdruck dessen, dass wir nach außen stark wirken bzw. sein sollen. Es wirkt in jedes Beziehungsdynamik. Oh, ich könnte verletzt werden, also behalte ich die Kontrolle, indem ich stark wirke.
Partnerschaft ist die Königsklasse
Es gibt 2 Gründe, warum das bedingungslose Ja zur Partnerschaft zu den wichtigsten Aufgaben gehört, die der aktuelle Kulturelle Wandel mit sich bringt: einen individuellen und einen kollektiven. Das ist nicht moralisch gemeint. Sondern als Impuls gemeint, den Horizont über unserer Einflussmöglichkeiten zu erweitern. Und angesichts der Lage, die nicht selten das Gefühl der Ohnmacht auslöst, knüpft es an das urmenschliche Bedürfnis der Selbstwirksamkeit an.
Individueller Beitrag
Wir suchen uns die Menschen, die zu den Themen passen, die wir zu bearbeiten haben. Das gilt für alle menschlichen Begegnungen. Die Partnerschaft ist dabei die Königsklasse, weil die Verletzlichkeit am größten ist: Die Gefühle in Streitsituationen oder großer Entfernung rufen oft Erinnerungen an die Kinderzeit wach. Niemand kommt um diese Erfahrungen herum. Bearbeitet Robert sie nicht Lucy, tauchen sie in der nächsten Beziehung wieder auf. Da ist das Leben sehr präzise.
Wenn sich Robert mit den Ursachen beschäftigt, ist nicht garantiert, dass es zu einer dauerhaften Versöhnung kommt. Vielleicht zeigt sich, dass eine Trennung als Paar wirklich Sinn ergibt.
Doch indem er den Schritt in die Verständigung macht, übernimmt er Verantwortung für sich selbst. Er kann einen gewichtigen persönlichen Entwicklungsschritt machen. Ja, das bekommt er nicht geschenkt: indem er sich selbst konfrontiert mit dem Erleben der Partnerin konfrontiert, macht er sich verletzlich. Es ist mutig, in die eigenen Kellerräume zu schauen, in denen die Schatten bis dahin ignoriert wurden.
Und so ist es mit allen Schatten im Leben.
Kollektiver Beitrag
Eine der essentiellsten Veränderungen, die notwendig sind, um zu einem natürlichen und friedlichen Lebenswandel auf unserem Planeten zu finden, ist die Aussöhnung zwischen Männern und Frauen. Die Rückkehr zu den wahren Identitäten und Rollenmodellen.
Im Klärungsprozess findet ein tiefes Kennenlernen statt. Es geht es um die Bedürfnisse beider Seiten und wie sie bestmöglich erfüllt werden können. Ein aufrichtiges Raumgeben der emotionalen Befindlichkeiten ermöglicht ein mutiges Mitteilen der wahren Wünsche, die bei Männern und Frauen bei weitem nicht immer deckungsgleich sind. Kennenlernen und tiefes Tauchen in beide Welten ist der größte Friedensbeitrag, den wir heute leisten können.
Rechthaben oder Glücklich sein
Der Ursprung des Friedens liegt in der Annahme, dass jeder Mensch einzigartig ist und ein Recht auf sein ureigenes Sein und seine Gefühle uns Bedürfnisse hat. Und jeder hat auch seine Strategien, seine Aufgaben und Zeitpunkte.
Bewusst friedlich zu leben, heißt, sich verletzlich zu zeigen. Bereit zu sein, sich zu zeigen mit Gefühlen und Bedürfnissen. Zwei zentrale Bedürfnisse beschreiben uns als Menschheit: Verbindung (wir sind soziale Wesen und keine Eremiten) und Beitrag – wir wollen anderen Gutes tun. Beste Voraussetzungen, um in den Dialog zu gehen.
Und wenn nicht, passt immer das Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“