#3 Meine Mentoringreise
Klare Worte verändern
Durchwachsene Zeiten. Das Ärmelhochkrempeln beim Aufbau einer klaren, neuen Online Präsenz will in diesen Tagen nicht so recht funktionieren. Ich sehne mich nach dem Flow. Es gibt jetzt viel zu tun und es will mir nicht gelingen, es einfach zu akzeptieren und Gelassenheit walten zu lassen. Gestern bemerkte ich das Video eines älteren Arztes, in dem es um Kraftsätze ging. Vielleicht ist ja was hilfreiches dabei, denke ich, wie in diesen Tagen häufig. Einer von 10 berührt mich, und kein Wunder, er ist von Rilke: „Du musst das Leben nicht verstehen. Dann wird es werden wie ein Fest. Und lass dir jeden Tag geschehen, so wie ein Kind im Weitergehen.“
Ein Kraftsatz aus der Tiefe
Die Stimmungskurve schnellt nach oben und ich denke: natürlich, es ist mal wieder das Vertrauen, was fehlt. Immer wieder diese Zweifel. Wird es irgendwann die Seele tief erreichen, dass ich mich entspannen und dem Lauf des Lebens vertrauen darf? Ich hoffe, so sehr. Und bin unendlich froh, dass ich beharrlichen meinem Weg in die Berufung folge, denn den Mut für die Sichtbarkeit freizulegen, ist wie eine verwilderte Pflanze vom Gestrüpp zu befreien.
Klein-Klein-Erfahrung deckelt Sichtbarkeit
Ich weiß, dass ich mit diesen Wachstumsschmerzen keineswegs allein bin. Die Kindheit IST relevant. Geboren in den 60er Jahren bin ich – ist jeder frisch verstrickt mit dem Kriegstrauma angetreten. Ich hatte Eltern, die entweder geschwiegen oder gestritten haben. Gesunde Beziehungen, mit offenem wertschätzenden Austausch auf Augenhöhe kenne ich kaum. Und nun ist sie das, die Herausforderung der Transformation. Jede Generation hat ihre Aufgaben und muss sich positionieren. Und wir, die Kriegsenkel , dürfen Frieden mit der Vergangenheit finden. Jeder auf seine Art. Daher widme ich mich ihr. Und umarme sie. Denn sie ist das Fundament meines Lebens, das jetzt mehr denn je auf Befreiung wartet.
Kriegsenkel aufwachen – jetzt!
Im Moment dieser Reflektionen taucht ein neuer Beitrag von Gopal Norbert Klein, dem Traumaexperten auf. Er spricht Auswirkungen von Unterbrechungen der frühen Mutter Kind Bindung. Mit jedem Satz fühle ich mich mehr persönlich angesprochen. Als 1963 Geborene bin ich eine Kriegsenkelin ((geb. 1960-1975). Gopal stellt die These in den Raum, dass Menschen, die als Säuglinge von der Mutter getrennt werden, eine lebenslange Verlustangst mit sich tragen. Das Leben gleicht häufig einer fortwährenden Bewältigungsstrategie, in der die Grundüberzeugung „Ich brauche niemanden“ herrscht. Oder „Ich schaffe es allein“. Diese Attitüde beobachte ich bei vielen Frauen meine Generation, inklusive meiner selbst. Wir haben die Abwesenheit der Mutter als Verlust erlebt. Und wenn wir uns nicht bewusst damit beschäftigen, indem wir neue Bezihungserfahrungen aufsuchen, bleibt dieser Überlebensimpuls erhalten. Und damit geht häufig Einsamkeit einher.
Ich stelle vor: als Säugling drei Wochen getrennt
Ich war schon Mitte dreißig, als ich es erfuhr. Mein Vater erwähnte es – und ich erinnere mich noch genau, wie unangenehm es ihm war. Im April war ich geboren. Und als die Familie im Sommer begann, die Koffer für den Hollandurlaub zu packen, bekam ich Keuchhusten. Ratlosigkeit in der Vorfreude. Da sagte der Arzt in der Kinderklinik, der Gott in Weiß, zu meiner Mutter: „Frau Hinney, Sie brauchen Urlaub! Sie fahren und das Kind bleibt hier.“ Und die Familie fuhr ohne mich für drei Wochen auf die Insel Schiermonnikoog.
Die Verlegenheit meines Vaters beim Erzählen überraschte mich genauso, wie die Nachricht selbst. Doch in meine Erinnerungen an die kaum behütete Kindheit fügte sich der Bericht nahtlos ein. Beinah emotionslos nickte ich. Es war so, wie es war, dachte ich, wie so oft. Jeder so, wie er konnte in dieser grauen Zeit. Auch wenn Haus und Garten noch so schön waren. Ich hatte schon früh verstanden, dass meine Eltern keine Schuld traf.
Irgendein Vertrauen gab es in das Leben
Schon als ganz kleines Mädchen wusste ich, dass es meine Aufgabe ist, in der unfriedlichen, dysfunktionalen Familie aufzuwachsen. Ich krempelte schon früh die Ärmel hoch und gab nach außen die Normale, auch wenn ich mich innen als Fremde fühlte. Es waren besondere Momente, in denen ich fand, dass Leben ein Fest ist. Wusste jedoch ganz tief verborgen, dass es wichtig sein wird, dass ich da bin. Ich entwickelte Strategien, die mir die fehlende Geborgenheit zu ersetzen schienen – und führte eine Art Doppelleben. Kämpfte seit Pubertätszeiten mit einer Sozialphobie, um nicht als zu sensibel enttarnt zu werden. Und arrangierte mich nach Kräften: nach außen funktionierend, nach innen einsam.
Auf der Couch beim spirituellen Psychiater
Mit Mitte Zwanzig suchte ich einen Therapeuten auf. Es war während des Studiums in Berlin und ich fand einen klugen Arzt, der mich in Form einer Psychoanalyse unterstützte. Fast 3 Jahre lang fuhr ich wöchentlich zu dieser schönen Praxis in Charlottenburg. Durch ihn kam ich zum ersten Mal mit der Kraft der Spiritualität in Berührung. Es gelang ihm, mir die Augen darüber zu öffnen, dass jeder Mensch – und eben auch ich – eine starke Schöpferkraft besitzt. Also selbst sein Leben gestalten zu können. Dass – auch ich – selbst wählen könne, wie ich leben möchte. Während bis dahin Zwang, Ängste und Vermeidung im Vordergrund standen, war das eine völlig neue Sicht auf das Leben für mich. Es begann, mehr Freude zu machen. Ich erinnere mich an Glücksgefühle, erste Momente des Freiheitsempfindens.
Eigene Familie war keine Option
Gleichzeitig folgte ich mit meiner geballten Manifestationskraft weiter der Grundüberzeugung: ich schaffe das allein! Wenn Beziehungen mich anstrengten, ging ich heraus. Während andere Familien gründeten, erinnerte ich mich bewusst daran, dass dieses Lebensmodell der Beginn einer lebenslangen Abhängigkeit wäre. Das eingesperrte Dasein meiner Mutter hatte meine Haltung nachhaltig geprägt – und so sollte es niemals sein. In die Zukunft dachte ich selten. Viel eher krempelte ich immer wieder die Ärmel hoch und ging weiter. Jede Art von Beziehung gestaltete sich herausfordernd. Erste Erinnerungen an Einsamkeit liegen in dieser Zeit. Und erste Wünsche nach dauerhafter Bindung. Es meldete sich der Wunsch nach echten, lebendigen Beziehungen. Da war ich schon 40 etwa.
Echte lebendige Beziehungen
Mit der Gewaltfreien Kommunikation fand ich nicht nur das genialste Instrumentarium zur Bearbeitung von Konflikten, sondern entdeckte auch, dass es weltweit eine riesige Traube von Menschen gab, die sich auch nach Frieden sehnten und aktiv dafür engagierten. Zu dieser Community wollte ich dazugehören. Ich begab mich in eine langjährige Forschungsphase.
Dass das Fühlen nicht nur erlaubt, sondern notwendig anzuerkennen sei, gehört bis heute zu den besten Nachrichten, die ich jemals erhalten habe. Und ich erlebte in endlosen Facetten, was ich bis dahin einigermaßen umschifft hatte: ich begegnete dem Schmerz. In Konflikten, die sich zwar unter dem im Namen der Gewaltfreien Kommunikation ergaben, die jedoch auch hier nicht wirklich ausgetragen wurden. In der Welt der Seminare, Kongresse und Ausbildungen begegneten mir dieselben Szenarien wie in der „normalen“ Welt.
Geballte Lektionen für mich
Heute habe ich meinen Frieden mit diesem zehnjährigen Weg, der mir alle meine Themen auf dem Tablett servierte. Ich habe jedes Einzelne für mich bearbeitet und bin weitergegangen. Dadurch durfte ich sehr viel über mich selbst lernen. Und auch darüber, wie verlockend Anerkennung und Zugehörigkeit auch für Menschen ist, deren tiefster Herzenswunsch die Gewaltfreiheit ist.
Eigenverantwortung als Dreh und Angelpunkt der Wandelzeit
Ich werde nach und nach beleuchten, welche entscheidende Rolle für mich das Thema Zertifizierung von Trainer*innen der Gewaltfreien Kommunikation spielte. Das System des CNVC bildete den Hintergrund für meine Prozesse, von denen viele nicht gelöst wurden. Jeder von uns findet seine Kulisse zur Bearbeitung der Seelenthemen. Das Leben ist hochintelligent und hilft uns genau dabei, Themen und Akteure zu treffen. Das gilt generell. Und In dieser aktuellen Zeit werden wir besonders auf Herz und Nieren geprüft, ob wir auch den letzten Winkel unseres Lebensgebäudes gut gereinigt haben.
Sichtbarkeit als Symptom
Auffällig in der Generation der Kriegsenkel (1960-1974) ist, dass wir uns besonders schwertun, uns mit unseren Bedürfnissen zu zeigen. Am Ende des Tages auch vor uns selbst. Hör auf zu heulen, stell dich nicht so an, das Leben ist kein Wunschkonzert – sind Plädoyers für die Verhärtung. Selbstkontrolle, die Kontrolle des Lebens steht an höchster Stelle. Allein zurechtkommen, statt Bedürfnisse zu zeigen. Damit einher geht natürlich unsere Bindungsfähigkeit. Beziehungsfähigkeit.
Eine Bitte zu äußern, und mit einem Problem nicht allein zu bleiben, kommt selten vor. Es könnte gesehen werden, dass ich etwas brauche. Ja. Und ist es wirklich verkehrt, sich das zu wünschen? Ich werde sichtbar mit einer Bitte: kannst du mir bitte Zuhören? Oder mir helfen? Dem Wohl der anderen beitragen ist das eine der beiden Hauptbedürfnisse der menschlichen Spezies. Das andere ist die soziale Verbindung.
Der Bogen zum Mutter Kind Bindungstrauma
Der Gott in Weiß bedient heute zum Glück nicht mehr dieselben Macht Strategien wie vor 50 Jahren. Doch unsere kulturellen Prägungen sitzen tief. So wie meine Eltern das strenge Wort des Arztes umsetzten und mich zurückließen, haben allen Kinder unserer Generation Kälte und Einsamkeit erlebt, weil ein ganzes Volk verängstigt und verwirrt war und arbeiten musste. Es hat uns kollektiv die Sprache verschlagen. Und uns in unseren Beziehungen herausgefordert.
Zweierlei Fähigkeit braucht eine stabile Bindung
Bindungsbereitschaft folgt einer verlässlichen Beziehungsqualität. Das ist, was wir Kriegsenkel wieder lernen dürfen. Wir brauchen die Bereitschaft, uns zu binden, um uns zu starken Partnerschaften und Gemeinschaften zusammen zu schließen. Dabei hängt die Qualität unserer Beziehungen von zwei Faktoren ab, die wir lernen können. Das erste ist die Bewusstheit, klar, von Herzen und „aus meiner Wahrnehmung“ zu sprechen. Das zweite ist die Kenntnis meiner eigenen Bedürfnisse und meiner Lieblingsstrategie. Das sind praktische Vorgänge, die obendrein Freude machen.
Die Gewaltfreie Kommunikation ist ein fantastisch simpel strukturiertes Modell, das sich hervorragend für das Erlernendieser zwei Kompetenzen eignet. Wenn wir uns in eine Zeit von Eigenverantwortung und Gemeinschaftssinn aufmachen, brauchen wir das Tool der Gewaltfreien Kommunikation. Frieden ist etwas Aktives: Verständigung. Und die geht nur mit Selbstbewusstsein.
Zeit zum Umdenken und Umgewöhnen
Wir Kriegsenkelinnen haben in dieser Zeit des tiefen Wertewandels die Aufgabe, uns zu erheben und für unsere Werte einzutreten. Lernen, unsere Bedürfnisse auszudrücken. Raus aus den stillen Kämmerlein. Die Stimme erheben. Sanft zu uns und klar im Ausdruck. Schluss mit dem Geduckt Gehen. Lasst uns zusammen geschützte Räume aufsuchen, in denen wir Frauen füreinander da sind. In denen wir uns gegenseitig zuhören und damit stärken. Und lernen, echt und aufrichtig für Menschlichkeit zu sorgen. Lernen, selbstbewusst zu sprechen. Wir sind weder Opfer, noch sind wir Retterinnen. Wir sind wir selbst: stark und verletzlich. Sicher in uns selbst und schön. Mit haufenweiser Lebenserfahrung, die sehr, sehr oft gar kein Spaziergang war.
Irgendwann ist es mal gut mit Andere-Verantwortlich-Machen?
Es war lange Zeit mein Credo. Jetzt bin ich froh, dass ich es anders betrachte. Es ist wichtig, dass wir noch an uns, noch einmal genau hinschauen. Habe ich mir selbst schon meine Härte in vielen Situationen vergeben? Hast du schon genug Tränen um die schwierige Kindheit geweint? Habe ich den Eltern wirklich vergeben? Den Geschwistern, die in den Spuren der Eltern weitergingen? Was kann ich heute ganz persönlich zu einer friedlichen Welt beitragen? Laura Malina Seiler teilte im aktuellen Podcast eindrücklich, wie kläglich sie am Anfang ihres Weges gescheitert ist. Wie sie sich in Grund und Boden geschämt hat. Und wie ihr von anderen Mut gemacht wurde.
Zusammen sind wir wunderbar
Wie wäre es, wenn wir zusammen auf die Nase fallen und dann zusammen die Krönchen richten und einfach weitergehen? Weil wir wissen, dass es dazu gehört? Und Verletzlichkeit das neue s*xy ist. Laura Malina Seiler teilte im aktuellen Podcast eindrücklich, wie kläglich sie am Anfang ihres Weges gescheitert ist. Wie sie sich in Grund und Boden geschämt hat, weil sie Abwertung erfuhr. Und wie ihr dann der Mut von Anderen geholfen hat, weiterzugehen. So kann es funktionieren.
Berufung jetzt !
Wenn du eine Idee hast, wie dein Beitrag, deine Herzensaufgabe für den Zeitenwandel aussehen könnte, bleib unbedingt dran. Denn ich bin mutig und gehe schon mal voraus. Und werden sichere Räume öffnen. Und mich zeigen. Und dir nur eine kleine Nasenspitze voraus sein.